Deutlich länger und deutlich intensiver als geplant war die Debatte der evangelischen Kirche Kierspe am Montagabend, 2. März, im Kiersper Rathaus. Unter der Überschrift "Erhalt der Evangelischen Kirchen in Kierspe und Rönsahl" hatte das Presbyterium zu einer Informationsveranstaltung geladen.
Presbyteriumsmitglied Anja Rentrop führte nach einer kurzen Begrüßung von Pastor George Freiwat durch den Abend. Sie machte früh deutlich: "Die evangelische Kirchengemeinde Kierspe-Rönsahl besitzt aktuell drei Kirchen. Guckt man sich die Zahlen nüchtern betrachtet an, ist lediglich eine Kirche zu erhalten und zu finanzieren. Die Frage ist: Welche soll das sein?" Nach einem rund 25-minütigen Vortrag hatte sie weitere 25 Minuten für gemeinsame Diskussionen mit den Anwesenden eingeplant. Im Laufe des Abends zeigte sich jedoch: Dieser Zeitrahmen war deutlich zu knapp kalkuliert. Beinahe anderthalb Stunden sachliche Diskussion folgten auf ihren Vortrag.
Im ersten Teil des Abends hatten Rentrop und ihre Mitstreiter aus dem Presbyterium Zahlen, Daten und Fakten in einer Präsentation zusammengetragen. Mit diesen möchten sie vor allem Ideen sammeln, wie "die Finanzierung des Unterhalts der Kirchengebäude langfristig sichergestellt werden kann".
Die Evangelische Kirchengemeinde in Kierspe und Rönsahl besitzt aktuell drei Kirchen. Die Margarethenkirche in Kierspe-Dorf und die Servatiuskirche in Kierspe-Rönsahl sind historische Gebäude mit ortsbildprägendem Charakter. Sie wurden vor 1147 (Margarethenkirche) und um 1250 (Servatiuskirche) gebaut und haben zum Teil frühmittelalterliche Alleinstellungsmerkmale wie eine Lilie aus dem 12. Jahrhundert und einen Taufstein aus dem 13. Jahrhundert in der Margarethenkirche. Als drittes Gotteshaus existiert die Christuskirche. Sie ist mit Einweihungsjahr 1952 deutlich jünger als die beiden anderen.
2,5 Millionen Euro Renovierungsbedarf Anders als die Christuskirche, die noch gut in Schuss ist, werden für die beiden historischen Gebäude nicht nur mehr Geld für die Unterhaltung, sondern auch für kurzfristige Renovierungsmaßnahmen benötigt. Bei der Servatiuskirche beläuft sich dieser Renovierungsbedarf auf rund 900.000 Euro, bei der Margarethenkirche sogar auf 1,65 Millionen Euro. Lediglich die Christuskirche hat aktuell keinen nennenswerten Renovierungsbedarf. Auch bei den dauerhaften Unterhaltskosten steht die Christuskirche am besten dar: Rund 20.000 Euro müssen für sie pro Jahr aufgewendet werden. Die Margarethenkirche hingegen benötigt etwa 70.000 Euro, die Servatiuskirche zirka 35.000 Euro.
Auf der Einnahmenseite der Gemeinde stehen 400.890 Euro Kirchensteuerzuweisung durch die evangelische Landeskirche. Diese Summe ist abhängig von der Anzahl der Gemeindemitglieder, die aktuell bei 5281 liegt. Die genaue Aufteilung hinter dem Verteilungsschlüssel der Landeskirche ist in Kierspe nicht bekannt. Da weitere 93.000 Euro für die anderen Gebäude aufgewendet werden, gehen insgesamt 54 Prozent der Zuweisungen in den Erhalt des Gebäudebestands. "Besäße die Kirchengemeinde nur noch eine Kirche und ein Gemeindehaus, ließen sich die Kosten mehr als halbieren", stellte Rentrop fest.
Größte Verbindung mit der Margarethenkirche Zudem konnte das Presbyterium die Ergebnisse einer von Juni bis September 2025 gelaufenen Umfrage präsentieren. Insgesamt haben 496 Teilnehmer abgestimmt, welcher Kirche sie sich am meisten verbunden fühlen. Dabei lag die Margarethenkirche mit 50 Prozent der abgegebenen Stimmen deutlich vor der Servatiuskirche mit 29 Prozent. Lediglich neun Prozent der Befragten stimmten für die Christuskirche. Die restlichen 12 Prozent entfielen auf Mehrfachantworten.
In der Umfrage ging es explizit um persönliche Verbundenheit. In einem Freitextfeld ergänzte ein Teilnehmer zum Beispiel: "Auch wenn ich mich der Margarethenkirche sehr verbunden fühle, glaube ich, dass es am vernünftigsten ist, die Christuskirche zu behalten", stellte Rentrop den hohen ideellen Wert der historischen Gebäude heraus.
Am höchsten scheint die Verbindung der Menschen zur Kirche in Rönsahl: In einer weiteren Auswertung wurde die Verbundenheit der Kirchen nach Wohnort aufgeschlüsselt. 76 Prozent der befragten Rönsahler nahmen die Servatiuskirche als das Gebäude wahr, mit dem sie am ehesten verbunden sind. Rentrop betonte: "Die Rönsahler stehen eindeutig hinter der Servatiuskirche, während die Kiersper hinter den Kiersper Kirchen stehen. In Kierspe ist die Zahl der Menschen, die sich mit der Margarethenkirche (300) verbunden fühlen, 3,5-mal so hoch wie die Zustimmung zur Christuskirche (87)."
Vorschläge zur Finanzierung Unter vier Oberpunkten stellte das Presbyterium im Anschluss Ideen aus der Umfrage vor, die zur dauerhaften Finanzierung vorgeschlagen wurden. Das Gros der Vorschläge drehte sich darum, wie die Gemeinde mehr Einnahmen generieren kann. Zudem gab es verschiedene Vorschläge, die Nutzung der Gotteshäuser zu erweitern und dadurch Mieteinnahmen zu generieren. Während diese beiden Punkte bei allen anwesenden gut ankamen, ging bei den Vorschlägen, Kirchenbesitz zur Finanzierung einzusetzen und vor allem bei der Idee, kirchliches Engagement in der Gesellschaft zurückzufahren, ein Raunen durch den Raum. Rentrop machte schnell klar, dass auch dem Presbyterium gerade die letzte Gruppe an Ideen nicht gefällt.
Da die Gemeinde dies vermeiden will, ist der Verkauf von mindestens einer Kirche unumgänglich, um den Haushalt langfristig zu sichern. "Sollte sich kein Käufer finden, dann bleibt uns nichts anderes, als die Kirchen stillzulegen, das wäre die denkbar schlechteste Alternative", machte Rentrop jedoch deutlich. Mit dieser Perspektive im Raum eröffnete Rentrop die Diskussionsrunde und betonte, dass die Gemeinde für alle Vorschläge offen sei.
Umfangreiche Beratungen im Anschluss Stephan Böhse, Vorstand der Volksbank Kierspe, bot direkt zu Beginn der Beratschlagungen seine Hilfe an. "Mich interessieren erstmal die Zahlen, das waren für mich ein paar zu wenige", sagt er. Wenn die Gemeinde ihm den Haushalt zur Verfügung stellt, würde er die Finanzen einmal "durchrechnen". Er schlägt vor, zum Beispiel Wald im Kirchenvermögen in andere Anlageklassen umzuwandeln, um von höheren Renditen zu profitieren. "Vielleicht kann man mit dem Vermögen schon mehr bewirken, ich glaube, dass man das als Hebel nutzen kann", erläutert der Finanzspezialist seine Gedanken.
Ihm sprang Clemens Wieland zur Seite, zäumte das Pferd jedoch von der anderen Seite auf: "Was geht wofür wirklich drauf? Und zwar nicht auf die drei Kirchengebäude, sondern auch die anderen Gebäude und die Personalkosten", fragte der diplomierte Bankbetriebswirt. Er war als Fraktionsvorsitzender der Unabhängigen Wählergemeinschaft vor Ort, ist jedoch ebenfalls bei der Volksbank Kierspe tätig.
Ein großer Kostenpunkt sind die Kindergärten, die die Gemeinde unterhält. Der Eigenanteil liegt hier aktuell bei rund 120.000 Euro pro Jahr für fünf Kindergartengruppen, führten die Presbyter aus. "Wir wissen, wie weh das tut einen Kindergarten zu schließen, wir haben es am Felderhof erlebt, wir haben es in Rönsahl erlebt." Diese Entscheidung möchte das Gremium nicht noch einmal treffen müssen. Die Entscheidung hängt jedoch von den Kirchen ab.
"Die Objekte zu verkaufen halte ich für absolut unrealistisch" "Das einzige was sich wirtschaftlich rechnen könnte wäre der Verkauf der Christuskirche und selbst dann hättest du nur 600.000 Euro in der Kasse, ich provoziere hier jetzt mal. Die Objekte zu verkaufen halte ich für absolut unrealistisch", machte Wieland auf die Aussage von George Freiwat hin deutlich, der anmerkte: "Wenn wir sagen die Christuskirche behalten wir und die anderen verkaufen wir, dann wären wir saniert."
Mitgliederwerbung zur langfristigen Sicherung Chris Eichert fragte nach: "Wie offen ist die Kirchengemeinde Mitgliederwerbung zu betreiben?" Er war klar gegen den Verkauf der beiden historischen Kirchen: "Die beiden alten Kirchen sind identitätsstiftend und heimatstiftend." Wenn diese verkauft würden sieht er die Gefahr einer Austrittswelle. In diesem Fall attestierte Böhse der Gemeinde schon vorher ein Problem: "Wenn wir das so weiterlaufen lassen, dann werden ja die Einnahmen immer kleiner und das Problem immer größer."
Oliver Busch, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kiersper Stadtrat, stellte die Gretchenfrage: "Was möchte die Kirche? Die Essenz gerade war ja: Wir schließen die Kirche oder beenden die Jugendarbeit."
Trägerverein kritisch hinterfragt Mehrfach kam die Idee auf, die beiden historischen Kirchengebäude in externe Trägervereine zu überführen, um sie aus dem Haushalt der Gemeinde herauszubekommen. Diese Idee sah Böhse jedoch kritisch: "Es ist ja eine schöne Idee, jetzt einen Trägerverein zu gründen und die Kirche da rein zu überführen, aber das ändert nichts an dem Problem. Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Ich bin erschüttert als Bürger und Steuerzahler, dass diese Dinge, die ich kenne, so vor dem Aus stehen." Der Volksbank-Vorstand wirkte sichtlich engagiert an dem Abend.
Gegen Ende der Veranstaltung äußerte sich auch Bürgermeister Olaf Stelse erstmals: "Ich sehe das auch nicht, genau wie Herr Böhse es sagt, mit den zwei Trägervereinen. Wir können froh sein, wenn wir einen Trägerverein hinbekommen. Insbesondere wenn ich dann die Unterhaltungskosten sehe, können wir froh sein, wenn wir das wieder rein bekommen"
Anke Pies hingegen, die den letzten Beitrag zur Diskussion leistete, zeigte sich optimistischer: "Eine Million aufzubringen ist nichts, was man im Handstreich macht, aber ich denke, dass wir in Kierspe hier das Potenzial dazu haben."
Gut gefüllte Unterstützerliste Wenn auch an diesem Abend keine Entscheidung gefallen ist: Die Kirchengemeinde hat ihr Anliegen in die Öffentlichkeit tragen können und zahlreiche gut vernetzte Multiplikatoren gewinnen können. Beinahe alle Anwesenden aus allen im Rat vertretenen Parteien, von der Sparkasse Kierspe-Meinerzhagen und der Volksbank Kierspe bis hin zu gut vernetzten Bürgern wie dem Ortsheimatpfleger Ulrich Finke trugen sich in eine Unterstützerliste ein. Gegen 21 Uhr endete die Veranstaltung. Das Presbyterium ist nun um zahlreiche Ideen reicher.















