Aktuelle Studien zeigen, dass psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen weiterhin auf einem hohen Niveau liegen – und dass Schule dabei für viele junge Menschen einen wichtigen Belastungsfaktor darstellt. Im Interview mit Sigrid Bicking (Märkische Kliniken) nimmt Dr. Morsi Abdallah, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu Fragen Stellung, die auch viele Eltern beschäftigen.

 

Sie beobachten, dass während der Sommerferien deutlich weniger Kinder und Jugendliche wegen akuter psychischer Belastungszustände in Ihrer Klinik vorgestellt werden. Was verändert sich mit dem Ende der Ferien und dem Beginn des Schulalltags?

Ja, insbesondere während der Sommerferien verzeichnen wir deutlich weniger akute Vorstellungen, stationäre Aufnahmen und Kriseninterventionen. Mit dem Schulbeginn nehmen depressive Episoden, Selbstverletzungen, Suizidalität und Schulabsentismus wieder zu.

Schulbetrieb wichtiger Einflussfaktor

Da unsere Klinik für rund 600.000 Menschen im Märkischen Kreis und im Kreis Olpe zuständig ist und die Bevölkerungsstruktur relativ stabil bleibt, spricht vieles dafür, dass der Schulbetrieb dabei ein wichtiger Einflussfaktor ist. Ähnliche Beobachtungen konnten wir während der Schulschließungen in der Corona-Pandemie machen. Ein ursächlicher Zusammenhang müsste jedoch wissenschaftlich genauer untersucht werden. 

Welche schulbezogenen Belastungen erleben Kinder und Jugendliche aus Ihrer klinischen Erfahrung besonders häufig – und wann können daraus ernsthafte psychische Probleme entstehen?

Häufig geht es um Leistungsdruck, Klassenarbeiten, Konflikte in der Peergroup (Gleichaltrigengruppe), Mobbing oder Cybermobbing. Hinzu kommen soziale Ängste, depressive Entwicklungen, problematischer Mediengebrauch und teilweise auch Alkohol- oder Drogenkonsum. Manche Kinder reagieren mit Rückzug und Ängsten, andere mit Regelverstößen, oppositionellem oder aggressivem Verhalten. Wenn mehrere Belastungen zusammenkommen und die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichen, können Selbstverletzungen, suizidale Äußerungen oder andere akute psychische Krisen entstehen.

Dr. Morsi Abdallah lächelt in die Kamera vor einem hellen, unscharfen Hintergrund.
Dr. Morsi Abdallah ist Klinikdirektor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Lüdenscheid
Foto: Märkische Kliniken

Ein Thema, das zunehmend in den Fokus rückt, ist Schulabsentismus. Was steckt dahinter, wenn Kinder oder Jugendliche immer häufiger oder schließlich gar nicht mehr zur Schule gehen?

Schulabsentismus ist ein Oberbegriff für unterschiedliche Formen des Fernbleibens vom Unterricht. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Schulverweigerung und Schulschwänzen. Bei der Schulverweigerung wissen die Eltern meist Bescheid; häufig stehen Ängste, Depressionen, Überforderung oder Mobbing dahinter. Beim Schulschwänzen sind die Eltern dagegen oft nicht informiert. Hier finden sich häufiger Schwierigkeiten mit Regeln, oppositionelles Verhalten oder Störungen des Sozialverhaltens. In der Praxis gibt es viele Mischformen.

Entscheidend ist der Zeitfaktor: Je länger ein Kind der Schule fernbleibt, desto stärker verfestigt sich das Verhalten und desto schwieriger wird die Rückkehr. Längere Schulbefreiungen können deshalb kontraproduktiv sein, wenn sie nicht in einen verbindlichen therapeutischen und pädagogischen Plan eingebettet sind.

 

Welche Warnsignale sollten Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen ernst nehmen – gerade dann, wenn ein Kind den Schulbesuch zunehmend vermeidet?

Schulabsentismus entwickelt sich meistens schrittweise. Frühe Warnzeichen können ein Leistungsabfall, wiederholtes Zuspätkommen, einzelne Fehlstunden, morgendliche Konflikte, häufige Bitten, zu Hause bleiben zu dürfen, sowie Äußerungen über Angst, Überforderung oder Mobbing sein. Auch wiederkehrende Kopf- oder Bauchschmerzen sollten nach medizinischer Abklärung als mögliches Zeichen psychischer Belastung betrachtet werden.

Fernbleiben wird dadurch kurzfristig als Entlastung erlebt

Wichtig sind außerdem Faktoren, die die Vermeidung unbeabsichtigt stabilisieren können. Zu Hause nimmt die Angst zunächst ab, das Kind erhält möglicherweise mehr Aufmerksamkeit und hat mehr Zugang zu digitalen Medien. Das Fernbleiben wird dadurch kurzfristig als Entlastung erlebt, während die Rückkehr langfristig immer schwieriger wird. Wenn mehrere Warnsignale auftreten oder sich Fehlzeiten wiederholen, sollte daher frühzeitig gehandelt werden.

Ein kleines Mädchen in einem roten Kleid schreibt an einem weißen Tisch auf ein Blatt Papier.
Eltern und Schulen sollten bereits bei den ersten Auffälligkeiten offen miteinander sprechen und das betroffene Kind aktiv einbeziehen. (Symbolfoto)
Foto: pixabay.com

 Was können Eltern und Schulen frühzeitig tun, und welche Unterstützungs- und Versorgungsangebote gibt es für betroffene Kinder und Jugendliche im Märkischen Kreis und im Kreis Olpe?

Eltern und Schulen sollten bereits bei den ersten Auffälligkeiten offen miteinander sprechen und das betroffene Kind aktiv einbeziehen. Erste Ansprechpersonen können die Klassenleitung, eine Vertrauenslehrkraft, die Schulsozialarbeit oder der schulpsychologische Dienst sein. Je früher die Ursachen geklärt und konkrete Schritte vereinbart werden, desto größer ist die Chance auf eine erfolgreiche Rückkehr.

Unsere Klinik übernimmt die kinder- und jugendpsychiatrische Pflichtversorgung für den Märkischen Kreis und den Kreis Olpe. Wir bieten ambulante, tagesklinische und stationäre Behandlungen sowie bei schweren psychischen Krisen eine akute Krisenintervention an. Wenn eine psychische Erkrankung mit dem Schulabsentismus verbunden ist, begleiten wir auch die schulische Reintegration.

Betroffene Kinder frühzeitig erreichen

Darüber hinaus soll das in Lüdenscheid entwickelte Lüdenscheider Modell – Kooperations- und Assistenz-System für Schulabsentismus-Intervention (KoopASSIST) regional weiter etabliert werden. Ziel ist eine zentrale Anlaufstelle, die die Zusammenarbeit von Schule, Jugendhilfe, Jugendamt, Schulamt, kinder- und jugendärztlichem Dienst sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie koordiniert. So sollen betroffene Kinder und Jugendliche frühzeitig erreicht und auf ihrem Weg zurück in die Schule gemeinsam unterstützt werden.

Zahlen und Fakten: Psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen

Aktuelle Studien zeigen, dass psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen weiterhin auf einem hohen Niveau liegen – und dass Schule dabei für viele junge Menschen einen wichtigen Belastungsfaktor darstellt:

  • Nach dem Deutschen Schulbarometer 2025/26 zeigt jedes vierte Kind beziehungsweise jeder vierte Jugendliche psychische Auffälligkeiten. 2024 lag der Anteil noch bei 21 Prozent. 61 Prozent der Befragten empfinden die schulischen Anforderungen als hoch, 47 Prozent lernen auch am Wochenende für die Schule. Rund ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen erlebt mindestens einmal im Monat Mobbing oder Schikanen durch Mitschülerinnen und Mitschüler. Befragt wurden rund 1.500 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie jeweils ein Elternteil.
    Deutsches Schulbarometer 2025/26 – Robert Bosch Stiftung
  • Der DAK-Präventionsradar 2025 zeichnet ein ähnliches Bild: 65 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler berichten über häufige Erschöpfung, 42 Prozent über regelmäßige Ein- oder Durchschlafprobleme und 33 Prozent über Einsamkeit. Bei 17 Prozent zeigen sich depressive Symptome. Grundlage sind die Angaben von 26.586 Kindern und Jugendlichen der Klassenstufen 5 bis 10 im Schuljahr 2024/25.
    DAK-Präventionsradar 2025 – DAK-Gesundheit
  • Die COPSY-Längsschnittstudie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt, dass im Herbst 2025 rund 23 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch belastet waren. Vor der Corona-Pandemie lag der Anteil bei etwa 18 Prozent. Besonders belastet sind Mädchen und junge Frauen ab 14 Jahren.
    COPSY-Studie – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • Auch die Krankenhausstatistik verdeutlicht die Entwicklung: Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen waren 2024 bei den 10- bis 19-Jährigen die häufigste Ursache für eine stationäre Krankenhausbehandlung. Rund 116.300 Behandlungsfälle entfielen auf diese Diagnosegruppe – das waren 18,9 Prozent aller stationären Behandlungen in dieser Altersgruppe.
    Statistisches Bundesamt: Krankenhausbehandlungen von 10- bis 19-Jährigen

Die Zahlen belegen nicht automatisch einen direkten ursächlichen Zusammenhang zwischen Schule, psychischen Erkrankungen und Schulabsentismus. Sie zeigen jedoch, unter welchen Belastungen viele Kinder und Jugendliche stehen und weshalb Warnsignale, Fehlzeiten sowie Veränderungen im Verhalten frühzeitig wahrgenommen werden sollten.