"Mein Großvater, der Täter" — es war kein leichtes Buch, aus dem der Journalist Lorenz Hemicker am Montag, 23. Februar, im Pädagogischen Zentrum der Gesamtschule Kierspe gelesen hat. "Es ist harte Kost. Wem es zu viel ist und wer raus gehen möchte, kann das tun. Ich kann das verstehen", sagte der Autor im Rahmen seiner Einleitung zu den Schülern.

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Denn der Name des Buches ist durchaus wörtlich zu verstehen. Lorenz Hemicker arbeitet ihn dem Buch die Geschichte seines Großvaters Ernst Hemicker auf. Dieser war im dritten Reich als SS-Offizier am Holocaust beteiligt und beaufsichtigte unter anderem die Erschießung von zehntausenden Juden. Alican Sevim, didaktischer Koordinator der Gesamtschule, beschrieb es als "ein sehr bewegendes und bedrückendes Buch".

Hemicker, der die Geschichte seines Vorfahrens umfangreich recherchiert hat, nahm kein Blatt vor den Mund. Er erzählte den Schülern von den Aufgaben einzelner Soldaten in den Erschießungstrupps, die sein Großvater kommandiert hat. Der gelernte Tiefbauingenieur hat sich laut Zeugenaussagen auch für das Vorbereiten der Gruben, in denen die Juden erschossen wurden, verantwortlich gezeigt. "Mal sprach er wie ein Techniker, mal mitfühlend wie ein Mensch, dem seine Arbeit zuwider war. Natürlich lief alles reibungslos, gab Ernst zu Protokoll. Gedanken habe er sich keine gemacht. Der Auftrag sei ja eine Fachaufgabe gewesen", heißt es in dem Buch, aus dem Hemicker liest.

"Mein Großvater, der Täter" - Lesung des Autors Lorenz Hemicker für die Schüler der Gesamtschule Kierspe.
Foto: Maximowitz

Doch das Buch handelt nicht nur von den Taten seines Großvaters. Es bringt auch die psychische Belastung zur Sprache, die auf den Nachfahren von Ernst Hemicker lastet — allen voran auf seinem Sohn Peter, dem Vater von Lorenz Hemicker. Ihn haben die Vorwürfe gegen seine Familie bis heute nicht losgelassen. Auch Lorenz Hemicker ist an den Tatort im lettischen Rumbula gereist und hat im Rahmen einer dortigen Veranstaltung um Vergebung für die Taten seines Großvaters gebeten.

An der Lesung nahmen die Schüler der Jahrgänge zehn bis 13 teil, die wenigen freien Plätze im Pädagogischen Zentrum wurden durch die Lehrer aufgefüllt. Im Nachhinein hatten die Schüler die Möglichkeit, miteinander und mit dem Autor ins Gespräch zu kommen, um über das gehörte zu reden.