Frohe Botschaft für die rund 500 Gäste beim Volksbank-Forum in der Historischen Schützenhalle am Loh: „Die Welt geht auch dieses Mal nicht unter.“ Das verkündete Markus Gürne als prominenter Redner des Abends und schob gleich eine bittere Pille nach: „Es wird seinen Preis haben, aber wir werden nicht untergehen.“ Deshalb verlangt der Finanzjournalist und Moderator der Sendung „Wirtschaft vor acht“ radikale Offenheit von der Politik.

„Wir haben in Deutschland noch nicht einmal kapiert, wo wir stehen“, analysierte der Wirtschafts- und Finanzexperte. Europa stehe zwischen den Blöcken USA, Russland und China, die ganz gezielt Geopolitik betrieben. „Europa und damit auch Deutschland spielen dabei keine Rolle.“

Bei seinem Vortrag stützte sich Gürne auf eine einzige Folie – eine Weltkarte. „Ich bin Schwabe“, spielte der Mann, der unter anderem in Kairo, Kabul und anderen Ecken der Welt gearbeitet hat, auf die sprichwörtliche Sparsamkeit seiner Heimatregion an. Markus Gürne verlässt sich nicht auf Folien umfangreicher PowerPoint-Präsentationen. Er liebt das deutliche Wort und übersetzt komplizierte Zusammenhänge in klare Sprache. Dabei kommt die deutsche Politik nicht gut weg. „Die Politiker leben in einer simulierten Wirklichkeit“, sagte der Wirtschaftsexperte. Sie hätten keinen Schimmer davon, welche Auswirkungen ihre Beschlüsse beispielsweise auf eine arme Rentnerin in Duisburg-Marxloh hätten.

Silke Voß-Schulz, Markus Gürne und Jens Brinkmann stehen in einem großen Saal mit festlich gedeckten Tischen und Kronleuchtern.
Silke Voß-Schulz und Jens Brinkmann, Vorstandsmitglieder der Volksbank in Südwestfalen, nahmen Markus Gürne (Mitte) in Empfang.
Foto: Wolfgang Teipel / LokalDirekt

„Wer nichts im Boden hat, muss es in der Birne haben.“ Auf diese einfache Formel bringt Markus Gürne das Anforderungsprofil für Deutschland. Die Politik müsse schneller und flexibler auf neue Anforderungen reagieren. Sie dürfe nicht alle Kraft darauf ausrichten, immer nur zu bewahren. Nach seiner Ansicht sollte Deutschland Veränderungen stärker selbst gestalten, statt erst dann zu reagieren, wenn der Handlungsdruck zu groß werde. Dazu gehöre Finanzbildung. „Sie ist ein Bestandteil von Demokratie und Freiheit.“

Was Flexibilität bedeute, habe er am Beispiel seiner 91-jährigen Mutter erfahren. Beim bevorstehenden Umzug von Stuttgart nach Frankfurt habe ein Nachbar, auch schon betagt und halbblind, mit seinem neuen Mercedes geprotzt. Die Reaktion seiner Mutter: „Jetzt wird es dringend Zeit, dass ich umziehe.“ Damit war dem TV-Mann jede Sorge genommen, dass seine Mutter die Umsiedlung nicht verkraften könne. Die Lacher im Publikum zeigten: Es war ganz auf Gürnes Seite.

Deutschland braucht eine Gesellschaft, die versteht, was jetzt zu tun ist. Markus Gürne fordert mehr Finanzbildung, ökonomisches Verständnis und vor allem die Überzeugung, dass Ökonomie und Ökologie keine Gegensätze sind. Ihr Zusammenklang biete vielmehr große Chancen für die Wirtschaft und eine nachhaltige Entwicklung.

Zahlreiche Gäste sitzen an weiß gedeckten Tischen in der großen, hellen Historischen Schützenhalle unter großen Kronleuchtern.
Rund 500 Gäste besuchten das Volksbank-Forum in der Historischen Schützenhalle in Lüdenscheid.
Foto: Wolfgang Teipel / LokalDirekt

Gerade im Mittelstand sieht der Wirtschaftsexperte weiterhin großes Potenzial. Die Unternehmen seien innovativ und handelten pragmatisch. Südwestfalen verfüge über zahlreiche erfolgreiche mittelständische Unternehmen, Spezialhersteller und Weltmarktführer. Gerade familiengeführte Unternehmen seien häufig darauf angewiesen, Probleme frühzeitig zu erkennen und pragmatisch zu lösen. „Um die mache ich mir keine Sorgen.“

Europa als einer der größten Binnenmärkte der Welt verfügt über erhebliche wirtschaftliche Stärke. Diese werde aber, so Gürne, nicht konsequent genutzt. Stattdessen lähmten Regeln und Vorgaben aus Brüssel neue Entwicklungen. Deutschland habe es dabei zur Meisterschaft darin gebracht, diese Vorgaben in nationaler Gesetzgebung zu zementieren.

Markus Gürne glaubt, dass die Antworten auf die Frage „In welcher Welt wollen wir leben?“ – so lautet der Titel des Vortrags – auf der Hand liegen. „Es ist aber der Schalter im Kopf, den wir umlegen müssen.“