Seit 72 Jahren locken die Hohenlimburger Schloss-Spiele Tausende Besucher auf den Schlossberg. 2027 und 2028 ist der Betrieb im Schlosshof noch gesichert – doch für die Zeit danach fehlt bislang eine Lösung.

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„Nach den Schloss-Spielen ist vor den Schloss-Spielen.“ Diesen Leitsatz beherzigen Intendant Dario Weberg und Carsten Kunz (Vorsitzender des Förder- und Trägervereins „Freundeskreis Schloss-Spiele“) seit mehr als einem Jahrzehnt. Denn insbesondere Weberg weiß als verantwortlicher Leiter nur zu genau, dass er frühzeitig die Verträge mit Schauspielern und Künstlern aushandeln und unterschreiben muss. Nur so kann er im Spätsommer des Folgejahres den Kulturfreunden aus der Region ein attraktives Programm bieten.

Verein mit mehr als 100 Helfern

Seit nunmehr 72 Spielzeiten locken die Schloss-Spiele Jahr für Jahr Tausende Kulturfreunde ab sechs Jahren den Schlossberg hinauf. Denn der auf mehr als 100 Helferinnen und Helfer bauende Verein hat es sich seit Jahrzehnten zum Ziel gesetzt, bereits Vorschulkinder mit altersgemäßen Aufführungen für die Kultur und gleichzeitig auch für das historische Schloss zu begeistern.

In diesem Jahr waren es mehr als 1200 Kindergartenkinder und Grundschüler, die sich Anfang September zum Start in das neue Schuljahr von der Hagenerin Mona Stöcker und ihrem Ensemble mit dem Kindermusical „Tabaluga und das verschenkte Glück“ einfangen ließen. Denn Weberg und Kunz wissen mit ihrem Vorstandsteam genau, dass die Kinder von heute die erwachsenen Besucher von morgen sind und diese deshalb schon frühzeitig an die Schloss-Spiele herangeführt werden sollen.

Besucher sprechen als Schöffen Recht

Zur 72. Spielzeit (28. August bis 12. September) wagte Intendant Dario Weberg in diesem Jahr ein außergewöhnliches Experiment. Denn im international bekannten Drama „Terror“ von Ferdinand von Schirach durften an sieben Abenden erstmals die Besucherinnen und Besucher als Schöffen Recht sprechen und über das Schicksal von Major Lars Koch entscheiden. Dieser hatte als Pilot eines Kampfjets einen mit 164 Passagieren besetzten, von einem Terroristen entführten Lufthansa-Airbus abgeschossen, um 70.000 Menschen in der ausverkauften Allianz-Arena von München das Leben zu retten. Denn der Terrorist hatte angedroht, den Airbus in dieses Stadion abstürzen zu lassen. Bei seiner Entscheidung hatte Lars Koch eigenmächtig gehandelt und sich dem Befehl seiner Vorgesetzten widersetzt. Das führte zur Anklage.

Der Angeklagte Major Lars Koch (Linus Pütz) mit seiner Verteidigerin Biegler (Anna Christina Krüger).
Foto: Heinz-Werner Schroth

Bei allen sieben Veranstaltungen stimmten die Schöffen in einem nahezu identischen Verhältnis ab: Ein Viertel hielt Lars Koch für schuldig, drei Viertel für unschuldig.

Mix aus Schauspiel, Musik und Comedy

Doch es ist nicht nur das große Schauspiel des Schloss-Spiel-Ensembles, das alljährlich die Besucher anlockt. Es sind auch die Musik wie der traditionelle Jazzfrühschoppen oder die Auftritte von national bekannten Comedians wie Jürgen Becker, Fritz Eckenga oder Günna, die stets einen ausverkauften Schlosshof garantieren, der Jahr für Jahr von Technik-Partner Dirk Hering wunderbar illuminiert wird.

Abend für Abend werden die Gäste an den Tischen bedient und mit Speisen und Getränken versorgt. Dann sind bis zu 50 Frauen und Männer im Einsatz, um vor dem Beginn der Veranstaltung und in den Pausen die Besucher zu bewirten. In all den Jahren ist das Helfer-Team kontinuierlich auf weit mehr als 100 Personen angewachsen, die freundschaftlich miteinander verbunden sind und alljährlich förmlich darauf brennen, die Schloss-Spiele vom Aufbau bis zum Abbau mitzugestalten. Jeder nach seinen persönlichen Fähigkeiten und seinen Vorlieben. Denn vor jeder Spielzeit muss das benötigte Equipment aus einem Lagerraum in der Hohenlimburger Innenstadt in den Schlosshof und das angrenzende ehemalige Kaltwalzmuseum geschafft und nach der Spielzeit wieder zurücktransportiert werden. Das ist im wahrsten Wortsinn ein Kraftakt.

Ungewisse Zukunft

Trotz aller Begeisterung und kollektiver Euphorie über die alljährlich vom Publikum an die Künstler und an die Helfer und Helferinnen herangetragenen Lobeshymnen gibt es dunkle Schattenwolken, die am Schloss-Spiel-Horizont aufziehen und den Verantwortlichen Sorgenfalten ins Gesicht treiben. Denn die Zukunft ist ungewiss.

Nach einem Rechtsstreit vor der neunten Zivilkammer des Landgerichts Hagen, den der Freundeskreis im Jahr 2019 gewann, durften die Schloss-Spiele nach zwischenzeitlicher Verbannung in den Schlossgarten im Jahr 2020 wieder in den Schlosshof zurückkehren. Allerdings nur bis zum Februar 2029 befristet.

Deshalb sind die beiden kommenden Spielzeiten 2027 und 2028 in der ehemaligen Höhenburg noch garantiert. Doch wo und wann die Spiele ab dem Jahr 2029 stattfinden können und stattfinden werden, ist aktuell noch unklar.

Gemeinsam eine Lösung suchen

Deshalb kündigte Carsten Kunz an, in den kommenden Wochen und Monaten das Gespräch mit dem Hausherren zu suchen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, die den Interessen beider Seiten gerecht wird. Schließlich gehören Fürst und Fürstin alljährlich zu den treuen Besuchern der Schloss-Spiele. So auch am 10. September, als sich Fürst Bentheim und Ehefrau Marissa sehr lobend über die exzellente Aufführung des „Terror“-Schauspiels äußerten.

Es solle im Interesse beider Seiten liegen, dass im Sommer 2028 nicht endgültig der Vorhang im Schlosshof fällt und somit ein ganz besonderes Kapitel der Hohenlimburger Geschichte beendet wird. Denn im Frühjahr des Jahres 1954 hatte Hohenlimburgs Stadtdirektor Albert Müller den damaligen Fürsten Adolf von der Schloss-Spiel-Idee überzeugen können, sodass der Hausherr vor mehr als 70 Jahren die Aufführung klassischer Theaterstücke für Erwachsene und Märchen für Kinder genehmigte.

Dass sich aus den ersten Schloss-Spielen ein Dauerbrenner entwickeln würde, der auch 72 Jahre später wie am ersten Veranstaltungsabend die Menschen elektrisiert und zuletzt Jahr für Jahr mehr als 5000 Besucher mobilisierte, hatten die Hohenlimburger Stadtväter vor mehr als sieben Jahrzehnten wohl nicht in ihren kühnsten Träumen erwartet. Obwohl es ihr Ansinnen war, wie die Neue Hohenlimburger Zeitung damals schrieb, mit der romantischen Verwechslungskomödie „Die Freier“ von Joseph von Eichendorff „den Ruf Hohenlimburgs über die Grenzen der engeren Heimat hinauszutragen und kulturelle Mitte eines Theatersommers unter freiem Himmel zu werden“.

Das ist den Gründungsvätern und den nachfolgenden Generationen seither wahrlich Jahr für Jahr gelungen.