Langjährige Betriebszugehörigkeiten gehören für viele Firmen und Arbeitnehmer heute nicht mehr zur Normalität. Die Verabschiedung eines Mitarbeiters nach über 44 Jahren wird daher in der Firma Alutronic entsprechend groß gefeiert.

"Ich werde definitiv nicht mehr um fünf Uhr aufstehen", in diesem Punkt ist sich Erdal Ilgan hundertprozentig sicher. Auf weitere Pläne für seinen Ruhestand will er sich aber noch nicht festlegen.

Mehr als 44 Jahre hat der aus Mittel-Anatolien stammende Erdal Ilgan als Mitarbeiter bei Alutronic verbracht. Im August 1980 kam er als gerade einmal 19-Jähriger nach Halver. Ohne Deutschkenntnisse, ohne Familie fand er sich in eine völlig anderen Kultur wieder. Nur seine zukünftige Frau kannte er schon von früher, sie war mit ihrer Familie allerdings bereits 1972 nach Deutschland gekommen.

Zwei Anläufe, bis es bei Alutronic passte

Am 15. Dezember 1981 nahm er bei Alutronic eine Stelle als Maschinenbediener an. "Eigentlich hatte ich schon im März  1981 hier angefangen", erzählt er. "Aber ich kam mit einem der damaligen Geschäftsführer überhaupt nicht zurecht und habe nach wenigen Monaten gekündigt. Als dieser Geschäftsführer dann die Firma verlassen hatte, bin ich zurückgekommen", erinnert er sich.

Damals hätten zwei große, türkische Familien fast die gesamte Belegschaft der Firma Alutronic ausgemacht, so Ilgan. Einer der Kollegen war schon einige Jahre zuvor nach Deutschland gekommen und fungierte im Betrieb als Dolmetscher.

„Ich darf Erdal duzen“

Schon nach vier Jahren als Maschinenbediener an der Säge wurde er zum Abteilungsleiter für die Sägeabteilung befördert. „Erdal ist vom Wareneingang über die Prüfung der Zeichnungen bis zum ersten Produktionsschritt, dem Sägen, hier für alles verantwortlich“, sagt Geschäftsführer Tim Schlachtenrodt. Das vertraute „Du“ zwischen ihm und dem scheidenden Mitarbeiter spricht für die familiäre Atmosphäre im Betrieb. „Ich darf Erdal duzen“, sagt er nicht ohne Stolz. „Dabei ist er eine natürliche Respektsperson bei uns im Betrieb. Auch wenn wir bereits einen Nachfolger eingearbeitet haben, wird es sehr schwer, ihn zu ersetzen“, bedauert Schlachtenrodt.

Eine der Hauptaufgaben für Erdal Ilgan war es mehr als 40 Jahre lang, die angelieferten Strangpressprofile aus Aluminium einzulagern und die jeweils passenden Rohmaterialien für die zu bearbeitenden Aufträge vorzubereiten. Danach durchlaufen die Profile die vorher von Ilgan eingestellten Sägen und werden per CNC-Frästechnik bearbeitet. „Das Sägen auf die exakte, Millimeter genaue Länge, ist der erste Schritt im Produktionsvorgang“, erklärt Tim Schlachtenrodt. „Wenn hier nicht korrekt gearbeitet wird, geht in der weiteren Produktion für dieses Werkstück nichts mehr.“

Besser als ein Computer

Ilgan, der ohne Ausbildung nach Deutschland kam, hat sich das nötige Wissen im Betrieb angeeignet. Den Geschäftsführer beeindruckt dabei vor allem das Wissen über sämtliche Produkte, das sein scheidender Mitarbeiter hat. „Wir haben rund 2500 verschiedene Standardprodukte. Er kennt jeden Artikel. 2021 haben wir ein Warenwirtschaftssystem eingeführt. Aber was die Artikelsortierung angeht, ist Ilgan dem Systsem immer noch überlegen. Wir verlieren mit ihm einen wichtigen Mann von dem ich nicht nur in betrieblicher Hinsicht viel gelernt habe!“, wird er nicht müde zu betonen.

Jetzt steht Erholung an

Für Erdal Ilgan stehen jetzt erst einmal zwei Monate im eigenen Haus in der Türkei an. Direkt am Meer will sich der 64-Jährige erst einmal erholen. „Ich bin die letzten 44 Jahre immer um fünf Uhr aufgestanden, war um sechs Uhr im Betrieb und habe täglich acht bis 12 Stunden gearbeitet. Das reicht jetzt auch“, sagt er schmunzelnd.

Seinen Lebensmittelpunkt behält er aber in Halver, denn seine Söhne leben in Lüdenscheid beziehungsweise in Köln. „Ich werde regelmäßig ins Fitnessstudio gehen, um gesund zu bleiben, meiner Frau im Haushalt helfen und mit ihr Einkaufen- und Spazierengehen“, lauten seine Pläne für die Zukunft.

Sein Fazit über die letzen Jahre? "Es war kein Fehler, nach Deutschland gekommen zu sein", betont Ilgan. "Eines ist aber sicher: Ich werde nicht mehr um fünf Uhr aufstehen!“