Am Montag fand im Ratssaal ein Themenabend im Rahmen der offenen Inforeihe des Gesundheits- und Pflegenetzwerks Plettenberg-Herscheid in Kooperation mit der Seniorenvertretung der Stadt Plettenberg statt. Das Thema lautete „Trauma und Demenz - wenn alte Erfahrungen im Alter wieder lebendig werden".
Dazu hielt Tina Stahlschmidt, Pflegeberaterin, Pflegesachverständige und Demenzfachkraft, einen Vortrag. Sie erläuterte, dass frühere seelische Verletzungen im Alter erneut wirksam werden können und wie sich das im Alltag zeigt. Mit Erklärungen über Amygdala (Verarbeitung von Bedrohungen) und Hypocampus (Gedächtnis und Kontext) erhielten die Zuhörer Einblicke in die Zusammenhänge und wie im Umgang mit Betroffenen geholfen werden kann, damit am Ende mehr Verständnis, Sicherheit und Entlastung im Miteinander daraus resultieren.
Wer alte Menschen in der Pflege und Betreuung begleitet kennt diese Momente, anscheinend rätselhaft, in denen Personen mit Demenz plötzlich anders reagieren, sich zurückziehen oder sich auch immer nach demselben Muster bewegen, mit Ablehnung auf bestimmte Situationen reagieren. Das veränderte Verhalten kann Angehörige und Pflegende vor große Herausforderungen stellen.
Stahlschmidt erklärt, dass im Verlauf einer Demenzerkrankung Erinnerungen und Gefühle aus früheren Lebensphasen wieder an die Oberfläche kommen. Unverarbeitete traumatische Erlebnisse wie Trauer, Verlust, Missbrauch können in der Demenzgeschichte eine Rolle spielen. Das, was ein Mensch ertragen musste, prägt ihn. Wenn die Lebensgeschichte des Betroffenen nicht sehr bekannt ist, kann leicht in Vergessenheit geraten, wie sehr die Vergangenheit noch nachwirkt.
Roter Fußboden weckt Erinnerungen
Zum besseren Verständnis und zur Verdeutlichung erzählt Stahlschmidt eine Geschichte aus der eigenen Berufspraxis: Heinrich lebt im Seniorenheim, nimmt nicht viel am Leben teil, aber er ist ständig aktiv und läuft viel herum. Überall taucht er auf seiner Etage auf, scheinbar auf der Suche, auffällig ist besonders eines: Er stoppt immer an der Tür zur Küche und ist nicht dazu zu bewegen, hineinzugehen. Heinrichs wiederkehrender Ablauf ist wie ein innerer Drang. Er ist schwer zu beruhigen. Erst der Verzehr eines Brotes mit Waldbeermarmelade kann Heinrich beruhigen, lässt ihn träumend aus dem Fenster hinausschauen. Nachfragen bei der Ehefrau bringen nicht viel weiter, erst durch Heinrichs Schwester kommt Klarheit für die Pflegenden. Kurz vor Ausbruch des Krieges warnte Heinrichs Mutter ihre Kinder, beim Spielen nicht die rote Brücke zu überqueren. Dieses Verbot bedeutete eine Sicherheitsgrenze vor dem Feind. Heinrichs älterer Bruder vergaß im Eifer des Spiels das Verbot und verschwand über die rote Brücke. Man fand später den erschossenen Kinderkörper. Zum Zeitpunkt des tragischen Geschehens war Heinrich etwa fünf Jahre alt. Die Mutter zog dann mit ihren verbliebenen Kinder weg und ließ Heinrichs toten Bruder zurück.
Hier erklärt sich der Zusammenhang mit Heinrichs jetzigem Verhalten vor der Küche, so Stahlschmidt. Diese Küche hatte einen roten Fußboden und triggerte etwas in Heinrichs Gedächtnis. Er war auf der Such nach seinem Bruder, von dem er vergessen hatte, dass dieser bereits verstorben war. „Diese Geschichte zeigt“, unterstreicht die Referentin, „wie nah wir an solchen Traumata dran sind.“
Wie geht man also mit den Betroffenen um? In Heinrichs Fall war es einfach. Er bekam eine Etage tiefer sein Zimmer und fortan hatte er kein Problem mehr mit der Küche. Diese hatte eine andere Fußbodenfarbe.
Positive Erinnerungen geben Sicherheit
Positive Aktivierung mittels Waldbeermarmelade hieß für Heinrich: schöne Erinnerungen an die Kindheit, Beerensuche, Marmeladen kochen mit der Mutter, spielen. Schöne Erinnerungen, die beruhigen können.
Zum Thema Erinnerungen steuerte Singer-Songwriter Martin Bestgen ein selbst geschriebenes Lied bei: „Erinnerungen ohne Wiederkehr: „Am Anfang sind’s nur kleine Sachen, die man vielleicht nichtmal bemerkt …, die Krankheit schreitet weiter fort, es fehlt das eine richtige Wort, auch Freunde sind auf einmal fremd, bis man sie gar nicht mehr erkennt … Sich zu erinnern fällt dann schwer, Erinnerungen ohne Wiederkehr.“







