Die wirtschaftsnahen Kammern, Verbände und Institutionen im Märkischen Kreis hatten Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), zum Austausch mit Vertretern der Automobilzulieferindustrie eingeladen. Rund 60 Gäste nahmen die Einladung an und hörten im Hotel Holzrichter, Nachrodt-Wiblingwerde, welche Strategie der Spitzenverband aktuell verfolgt.
Ziel war ein Austausch über Ablauf und Ziele der anstehenden Transformation in der Branche.„Automobilwirtschaft im Wandel – Transformation unter schwierigen Rahmenbedingungen“ war die Veranstaltung überschrieben. Eingeladen hatten die Gesellschaft zur Wirtschafts- und Strukturförderung im Märkischen Kreis (GWS), die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer (SIHK), der Arbeitgeberverband Lüdenscheid (AGV), der Märkische Arbeitgeberverband (MAV) sowie die Kreishandwerkerschaft Märkischer Kreis.
Herausforderungen in Südwestfalen
Ralf Schwarzkopf, Landrat des Märkischen Kreises, verwies in seiner Begrüßung auf mehr als 200 Automobilzulieferer im Märkischen Kreis und 500 in ganz Südwestfalen. Die Branche leide zurzeit unter mehr als acht Prozent Arbeitslosenquote und einer anhaltenden Schwächephase. VDA-Präsidentin Hildegard Müller knüpfte hier an und machte sich keine Illusionen: „Auf dem Weg zur Elektromobilität werden wir Arbeitsplätze verlieren“, prognostizierte sie. Aber keine Transformation sei keine Alternative. „Der Wandel der Automobilwirtschaft ist Realität“, so die Präsidentin. Südwestfalen sei eine von drei deutschen Regionen mit den größten Herausforderungen in der Transformation. Gleichzeitig sei klar: „Ohne den Mittelstand fährt kein Fahrzeug vom Band.“ Daher sei eine gelingende Transformation dieser Betriebe wichtig.
Technologieoffenheit und neue Geschäftsfelder
Müller plädierte für eine „Transformation in Graustufen“, für die oft strapazierte Technologieoffenheit. Die Zukunft lasse sich heute nicht vollumfänglich antizipieren. Selbst in China basierten entscheidende Teile der Wachstumsrate bei der Elektromobilität aktuell auf Hybrid-Technik. Gleichzeitig skizzierte sie Perspektiven für neue Geschäftsfelder des Mittelstandes. Kompetenzen aus der Verbrennerproduktion seien durchaus auf andere Branchen übertragbar. Wehrtechnik könne Teil der Transformation sein, aber auch Medizintechnik.
Allerdings gab sich die Verbandspräsidentin auch selbstbewusst im Hinblick auf das Kernprodukt: „Hohe Arbeits- und Produktionskosten bedeuten nicht, dass wir in Deutschland nicht die besseren Autos bauen.“ China merke inzwischen auch, dass Schnelligkeit der Entwicklung allein nicht helfe, es brauche auch Sicherheit und Qualität des Endproduktes.
Schwierige Rahmenbedingungen
In Deutschland scheitere der Markterfolg nicht an der Produktqualität, sondern an den Rahmenbedingungen, so Müller. Autonomes Fahren werde durch Regulierung eingeschränkt, es gebe zu wenige Ladestationen und kein ausreichend stabiles Stromnetz mit Anschlusspunkten. „Wir brauchen ein funktionierendes Ökosystem für E-Mobilität“, forderte Müller. „Das ist von der Politik unterschätzt worden.“
Die Präsidentin ist auch sicher: „Wenn wir nicht mehr CO2-neutrale Kraftstoffe bekommen, werden wir die Klimaziele nicht erreichen.“ Und je enger sämtliche Lösungen für Klimaneutralität mit der deutschen Industrie verknüpft seien, umso besser. „Wirtschaft ist heute international das entscheidende Druckmittel, um politische Ziele zu erreichen“, so Müller. „Europa hat das noch nicht begriffen.“
Unter dem Strich sei der Bau eines Autos in Deutschland 30 Prozent teurer als in China. Im Hintergrund komme dabei vieles zusammen: hohe Energiekosten, eine überbordende Bürokratie, schwerer Zugang zu günstigem Kapital. „Auch das EU-Beihilferecht ist für Transformationsziele nicht wirklich geeignet“, so die Präsidentin. Im Ergebnis fielen Investitionsentscheidungen dann oft nicht mehr für Deutschland, sondern für ausländische Standorte.
Strukturreformen statt Symptombehandlung
2026 sei das entscheidende Jahr, um das zu ändern. „In Brüssel gibt es bislang jedoch keinerlei Auseinandersetzung mit der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit Europas“, behauptete Müller. Statt Strukturreformen „bekämpfen wir nur Symptome mit Geld“. Die Veranstaltung begann mit einigen Minuten Verspätung, weil die Verbandspräsidentin noch ein aktuelles Telefonat zur E-Auto-Kaufprämie führen musste. Auch hier, sagte sie, wären Investitionen in die technische Infrastruktur eigentlich besser gewesen.
Gleichwohl richtete Hildegard Müller den Blick immer wieder nach vorne. „Zurück in die Vergangenheit war noch nie eine Lösung“, betonte sie. Den Mittelständlern gab sie abschließend mit auf den Weg in die Zukunft: „Lassen Sie sich in Ihrer Kreativität nicht bremsen.“
Die Veranstaltung war Teil von ATLAS (Automotive Transformationsplattform Südwestfalen), einem Förderprojekt, das Unternehmen aus der Automotive-Branche bei Transformationsherausforderungen unterstützt. ATLAS wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) finanziert.
Urheber des Textes in der Märkische Arbeitgeberverband (MAV).

