Der Igel gehört zu den heimlichen Verlierern der modernen Land(wirt)schaft. Auf der „Roten Liste“ bedrohter Tierarten geführt, wird er auch in naturnahen Gemeinden wie Breckerfeld immer seltener. Genau deshalb hat die städtische Kita Lummerland das kleine Stacheltier ins Zentrum eines besonderen Projekts gerückt.

Eine Woche voller Igel

Wo sonst Bilder gemalt und Lieder gesungen werden, drehte sich plötzlich vieles um Streifzüge durch Gärten und nächtliche Insektenjagden oder geheimnisvoll leises Rascheln im Laub. Kita-Leiterin Stefanie Manthey beschreibt die Stimmung so: „Die Kinder waren sehr neugierig, die Lebensgewohnheiten von Igeln kennenzulernen — sie haben angefangen, ihn richtig zu verstehen, aber auch, warum es wichtig ist, ihn zu schützen.“

Kinder betrachten Poster und Bilder zum Thema Igel, darunter ein großes Plakat mit der Aufschrift „Hast du schon ein Loch im Zaun?“.
In der Kita Lummerland stand der Igel im Mittelpunkt eines Projekts.
Foto: Satur

Ein Mann, der Igeln eine zweite Chance gibt

Vor gut zwei Wochen kam dann der Moment, auf den viele der Kinder hingefiebert hatten: der Besuch von Bernd Allefeld. In der Region kennt man ihn längst als „Igelschützer“, denn er betreibt offiziell eine Igel-Auffangstation. „Ich werde von Tierschutzorganisationen oder Privatpersonen benachrichtigt, wenn im Herbst irgendwo ein Igel aufgefunden wird. Nicht nur aus Breckerfeld, sondern auch aus Hagen, Schwerte und anderen Städten hatte ich schon Igel zu Gast.“ Zwischen drei und sechs Tiere überwintert er jedes Jahr bei sich.

Ein Mann zeigt Kindern einen Igel. Sie sitzen auf dem Boden und schauen dem Tier interessiert zu.
Bernd Allefeld (links) betreibt in Breckerfeld eine Igel-Auffangstation und brachte bei seinem Besuch in der Kita Igel-Dame "Elli" mit.
Foto: Satur

„Meistens kommen sie im November oder Dezember zu mir, schlafen ein und wachen im Frühjahr wieder auf“, erzählt Allefeld. In diesem Jahr sind alle drei Igel, die den Winter bei ihm verbracht haben, gleichzeitig am 1. April aufgewacht. Und Igel-Dame „Elli“ durfte den Igelschützer dann auf seinen Ausflug in die Kita Lummerland begleiten.

Elli kommt — und protestiert lautstark

Schon beim Öffnen der Transportbox wird klar, dass Elli keine Bühne sucht: Sie faucht. „Das klingt ein bisschen wie Schnarchen“, erklärt Allefeld schmunzelnd, während die Kinder gespannt nach vorne rücken. „Sie mag es gar nicht, wenn man sie tagsüber weckt. Denn Igel sind, wie ihr ja mittlerweile wisst, Dämmerungs- und Nachttiere. Und im Käfig mit dem Auto zu fahren sie auch nicht besonders toll“, sagt er lachend.

Elli wiegt 1225 Gramm — völlig im Rahmen. „Igel werden bis zu zwei Kilo schwer“, erklärt Allefeld. Ihr Körper trägt rund 6000 bis 8000 Stacheln. Und wenn einer ausfällt? „Dann wächst er einfach nach.“

Start ins Leben wie ein „Wattestäbchen“

Besonders gespannt schauen die Kinder, als Allefeld Fotos herumgehen lässt: Igelbabys, die kaum größer als das mit abgebildete Wattestäbchen sind, lösen staunendes Gemurmel aus. „So klein starten sie ins Leben“, sagt er.

Danach erklärt er ihnen weitere Fakten aus der Igel-Welt: Dass die Paarungszeit ab Mai beginnt und dass eine Igeldame bis zu fünf Junge pro Wurf austrägt. Und dass diese nach nur vier Wochen von der Mutter verstoßen werden und dann allein leben: „Denn Igel sind absolute Einzelgänger“, betont Allefeld. Ein Grund, warum er „seine“ Igel auch jeweils in einem eigenen Häuschen überwintern lässt. 

Ein Igel mit braunen Stacheln steht auf einer Holzfläche und sucht in Heu nach Futter.
Auch Igel-Mann "Erich" hat in diesem Jahr bei Bernd Allefeld überwintert.
Foto: Bernd Allefeld | privat

Katzenfutter und Milchverbot

Im Alltag seiner Igel-Station kümmert sich Allefeld um die Tiere nach klaren Regeln. „Nach dem Winterschlaf gibt es Katzenfutter, damit sie wieder Kraft sammeln“, erzählt er den Kindern und betont, dass Igel nur Wasser trinken dürfen: „Auf keinen Fall darf man ihnen Milch geben, diese verklebt ihren Darm und sie können sterben.“ 

Auch ohne die von Bürgerinnen und Bürgern gut gemeinten Milchschälchen in Gärten oder auf Terrassen hätten Igel bereits Feinde genug: „Autos, Füchse und Eulen gehören in unserer Region zu den größten Gefahren“, so Allefeld. Und er macht den Kindern deutlich: „Viele denken sofort, ein Igel sei in Not, wenn er abends durch den Garten läuft. Aber meistens ist er einfach unterwegs — auf Reviersuche oder Insektenjagd.“

Ein Tor in die Freiheit

Nachdem die Lummerland-Kinder so viel über das Leben und Überleben von Igeln gelernt hatten, wollten sie natürlich dazu beitragen, dass auch „Elli“ ein möglichst schönes und langes Igel-Dasein haben kann. Kurzerhand wurde in den Zaun des Außengeländes ein Loch gefräst und ein „Igeltor“ bestellt. Am Mittwoch, 29. April, brachte Bernd Allefeld „Elli“ dann samt ihrem Häuschen zum zweiten Mal in die Kita, positionierte sie nahe der Zaunöffnung, damit sie sich ihren Weg in die Freiheit suchen kann.

Ein Mann zeigt zwei Kindern auf dem Rasen einen Bereich unter einem Zaun, während ein weiteres Kind im Hintergrund steht. Im Hintergrund ist ein Tor mit einem Schild zu sehen.
Das Tor zur Freiheit: Die städtische Kita Lummerland bietet Igeln ab sofort jederzeit die Möglichkeit, auf das Gelände zu gelangen und es auch wieder zu verlassen.
Foto: Stefanie Manthey | privat

„Wir haben das bewusst so eingerichtet“, erklärt Stefanie Manthey. „Die Kinder sollen erleben, dass Natur nicht abgeschlossen ist.“ Allefeld ergänzt: „Elli wird sich jetzt, wenn die Dämmerung einsetzt, ein Revier suchen und hoffentlich einen Igelmann finden. Ob sie zurückkommt, kann niemand sagen. Aber ausgeschlossen ist es nicht.“ Ob die Kinder „ihre“ Elli nochmals wiedersehen sei also ungewiss: „Zumal sie ja schlafen, wenn Elli aktiv ist.“

Ein leiser Abschied, der Großes auslöst

Dass sie „Elli“ vielleicht niemals wieder sehen werden, löst bei den Kindern keine allzu große Traurigkeit aus — denn sie haben gelernt, dass das der Lauf der Dinge, oder besser: der Igel ist. Ein Tier, das auf der Roten Liste steht, hat für ein paar Tage einen Platz mitten in ihrem Kita-Alltag gefunden — und hat sie gelehrt, dass Tierschutz manchmal auch mit einem kleinen Loch im Zaun beginnen kann.