„Wir wollen mehr Demokratie wagen“ – so lautete das Motto der ersten Regierungserklärung von Bundeskanzler Willy Brandt im Oktober 1969. Heute gehe es darum, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu bewahren, meint Gregor Gysi. Der Linken-Politiker war als „einer der bekanntesten Politiker und sicher der schlagfertigste" Gast bei den Meinerzhagener Literaturtagen.

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Demokratie und politische Entwicklungen im Fokus

„Gregor Gysi – auf ein Wort" war am Mittwoch, 30. September, das Thema des Abends im Evanglischen Gymnasium. Dezent moderiert von Lorenz Hemicker sollte es im Gespräch um Gysis Bücher gehen. Im Mittelpunkt standen erwartungsgemäß jedoch aktuelle politische Ereignisse: Der Erfolg der Linken in Berlin, Antisemitismusvorwürfe, Kritik an Plänen zur Vergesellschaftung von Wohnungs-Konzernen, die hohe Zustimmung zur AfD, die Erosion der Volksparteien, die Gefährdung der Demokratie. Ein Phänomen, das Gysi schon gut zehn Jahre zuvor, als Gast einer KUK-Veranstaltung in der Stadthalle beschäftigt hatte.

Lorenz Hemicker spricht in ein Mikrofon und zeigt auf Gregor Gysi während eines Gesprächs vor einem violetten Vorhang.
FAZ-Journalist Lorenz Hemicker moderierte gezielt und dezent das Gespräch mit Gregor Gysi.
Foto: Rüdiger Kahlke / LokalDirekt

Was er denke, wenn er gerade an Berlin denke, und was die Linke zeigen müsse, damit aus einem Wahlerfolg auch Regierungshandeln werde, fragte Hemicker, Chef des Online-Dienstes der FAZ, und sprach damit aktuelle politische Themen an. Für Gysi sind die Mieten das zentrale Problem in Berlin: „Jeder muss angemessen wohnen können.2 In der geplanten Vergesellschaftung sieht er eine Möglichkeit, die Mieten zu senken. Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen Vergesellschaftung und Enteignung der Konzerne. Statt Erlöse an Anteilseigner auszuschütten, könnten die Mieten um etwa 200 Euro sinken. Zudem würde dies den Mietspiegel insgesamt senken. Damit stelle sich grundsätzlich die Frage, ob Wohnen eine private oder öffentliche Daseinsvorsorge sei. Für Gysi ist Wohnen ebenso wie Mobilität, Bildung oder Gesundheit eine öffentliche Aufgabe. Wenn der Staat den Wohnungsbau fördere, solle dies außerdem nicht nur mit einer sozialen Bindung für zehn Jahre geschehen, sondern dauerhaft.

Parallelen zum Herbst 1989

Dass Migration eine Welle sei, auf der die AfD surfe, begründet Gysi mit der misslungenen Integration der Gastarbeiter und damit, dass Menschen, die nach Deutschland kommen, zunächst nicht arbeiten dürften. Gysi selbst habe den Umbruch 1989 erlebt. Ob es Parallelen zwischen dem Herbst 2026 und dem Herbst 1989 gebe, fragte Hemicker mit Blick auf die aktuelle Unzufriedenheit und die schwindende Zustimmung zur demokratischen Mitte. „Es geht so nicht weiter“ sei damals wie heute eine identische Einschätzung, so Gysi.

Es fehle an Berechenbarkeit in der Politik, die tiefe Verunsicherung der Menschen sei nicht bemerkt worden. Zudem schaue Bundeskanzler Friedrich Merz „nur nach unten“, greife den Acht-Stunden-Tag, die Grundsicherung und das Gesundheitswesen an. Hinzu komme eine ungerechte Verteilung. Milliardäre zahlten 26 Prozent Steuern auf ihr Einkommen, Mittelstandsfamilien 43 Prozent. Zudem fehlten klare Ziele in der Politik und eine „Stelle, die innerhalb einer Minute überprüft, ob eine Nachricht Fake ist“. Damit spielte Gysi auf eine Publikumsfrage zu den neuen Gesetzen zum Überwachungsstaat an, verwies jedoch auf Künstliche Intelligenz (KI) als das große Problem.

„Demokratie attraktiver machen“

Gysi forderte mehr Chancengleichheit bei Bildung und Ausbildung. „Wir brauchen ein Schulsystem, mit dem wir an die Spitze Europas kommen. Demokratie müsse attraktiver werden, damit die Menschen „sie stärker verteidigen“. Dazu gehörten Volksentscheide, die mit Wahlen verbunden sein sollten. Jede Partei dürfe dabei eine Frage stellen. Nötig seien dafür finanzielle Grenzen, zudem müssten die Fragen mit dem Grundgesetz vereinbar sein. „Dann haben die Leute wirklich was zu entscheiden“, so Gysi.

Gut 90 Minuten politischer Querschnitt und Fragen aus dem Publikum ließen die Zeit wie im Flug vergehen. Die Besucher in der ausverkauften Aula erlebten einen 78-Jährigen, der Klartext sprach, Sachverhalte mit Anekdoten aus seiner langjährigen politischen Erfahrung erklärte und mit kleinen Spitzen und subtilem Witz seiner Rolle als Entertainer gerecht wurde. Etwa, als er sagte: „Ich liebe das Sauerland, aber nicht jeden, den sie nach Berlin schicken."

Auch die Bücher sprach Hemicker noch an. Welches Werk würde Gysi dem Publikum empfehlen, wenn er nur einen Titel nennen dürfte? Dabei ging es Gysi nicht um eigene Veröffentlichungen. Ganz oben auf seiner Liste steht „Mein Leben“, die Autobiografie des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, gefolgt von der Bibel und dem „Kommunistischen Manifest“. Letzteres verbinde den Aufruf, nationale Grenzen zu überwinden, mit der Vorstellung, dass die Freiheit des Einzelnen Voraussetzung für die Freiheit aller sei.

Das Publikum honorierte Gysis Klartext und Schlagfertigkeit mit viel Beifall. Es war auch ein Applaus für die Literaturtage. Mit der Buchhandlung Schmitz und der Stadtbücherei habe man „zwei Player, die immer wieder Hochkaräter in die Region bringen“, lobte Lorenz Hemicker deren Engagement.