Interview.
Wartungsfrei war gestern. Jiri „George“ Schneider und Tobias Janssen haben inzwischen zwar ein paar Bühnenkilometer auf dem Tacho, zum musikalischen TÜV müssen sie aber noch lange nicht. Am 26. September wollen die beiden in Herscheid mit zwei Gitarren, zwei Stimmen und reichlich Spielfreude zeigen, was bekannte Rocksongs hergeben, wenn man sie ordentlich auseinandernimmt. Für George ist der Auftritt zugleich eine Rückkehr zu alten Tatorten: Von den legendären XXL-Partys mit Radspitz hat er schließlich noch eine Rechnung mit dem Schießstand in der Schützenhalle offen. Im LokalDirekt-Interview geht es um Verschleißerscheinungen, musikalische Überraschungen, eigene Songs – und die Frage, warum echte Livemusik jede Rock-Playlist schlägt.
George, Herscheid kennst du noch aus den Zeiten der großen XXL-Partys mit Radspitz. Wenn du heute an Herscheid denkst: Welche Geschichte fällt dir als Erstes ein – und ist sie jugendfrei?
George: Ja, da fällt mir tatsächlich etwas ein und ich hoffe, dass ich nicht nachträglich ein Hausverbot für die Schützenhalle bekomme :-) Dort war im Keller ein kleiner Schießstand, an dem fünf übermüdete Musiker nicht einfach so vorbeilaufen konnten. Als wir festgestellt haben, dass man die kleinen Zielscheiben mit einem elektrischen Antrieb hin und her fahren kann, haben wir dort das ultimative Zielscheibenrennen veranstaltet. Das war unser Ritual über mehrere Jahre lang bei den XXL-Partys in Herscheid.
Euer Programm heißt „Nicht mehr wartungsfrei“. Das klingt verdächtig nach Musikern mit ersten Verschleißerscheinungen. Wer von euch beiden hat sich in diesem Titel stärker wiedererkannt?
Tobias: Ich fühle mich, dank dem Tourleben, frischer denn je!!
George: Ich fühle mich, dank des nicht mehr vorhandenen Tourlebens, frischer denn je!!
Aber eigentlich ist meine Hausärztin die Namensgeberin. Sie hat mal den Spruch benutzt, als sie meine Liste mit den geplanten Vorsorgeuntersuchungen begutachtet hat. In dem Moment dachte ich mir ganze leise im Kopf: Du mich auch!
„Ich fühle mich deutlich fitter als mit 30“
Und wenn wir schon beim Thema Wartung sind: Was braucht bei Jiri „George“ Schneider inzwischen am meisten Pflege – Stimme, Finger, Rücken oder Gedächtnis für Songtexte?
George: Es klingt vielleicht verrückt, aber ich fühle mich deutlich fitter als mit 30. Die vielen schlaflosen Nächte, Fastfood aus der Tüte auf einem Rastplatz, verrauchte Tanzlokale und Festzelte, literweise Kaffee, das alles sorgte damals nicht unbedingt dafür, dass ich mich hätte fit fühlen können. 2007 hatte ich dann so einen heftigen Hörsturz, dass ich sehr lange auf dem rechten Ohr kaum etwas hören konnte. Vor ein paar Wochen war ich beim Hörtest. Ich höre wieder auf beiden Ohren gleichmäßig und sogar deutlich besser als noch vor 15 Jahren. Von mir aus kann es so weitergehen.

Gibt es im Programm einen Song, bei dem das Publikum erst nach ein paar Takten merkt: Moment mal, den kenne ich doch – der klingt nur plötzlich ganz anders?
George: Das ist schwer zu sagen. Sobald die erste Textzeile erklingt, erkennt man normalerweise das Lied. Es ist also eher das Intro, was einem unbekannt vorkommt. Aber man kann sehr gut Songs verwechseln. Wenn man das Gitarrenintro von Jeans On anspielt, fangen oft Gäste im Publikum an, ‚Marmor, Stein und Eisen bricht‘ , zu singen. (großes Lachen)
Eure Zusammenarbeit begann 2017 über Facebook. Weißt du noch, wie der erste Kontakt aussah? Und was hat dich davon überzeugt, dass man sich mit diesem Tobias Janssen tatsächlich auf eine Bühne stellen kann?
George: Es war alles sehr unkompliziert. Er wurde mir von einem befreundeten Musiker empfohlen, ich habe ihn angeschrieben, er hat geantwortet und schon waren wir im Geschäft. Und genauso unkompliziert war unsere erste Begegnung. Er kam, packte seine Gitarre aus, ich fragte ihn: ‚möchtest du einen Kaffee‘?, er sagte ‚ja' und schon mochte ich ihn. Einige Musiker, die ich davor ausprobiert habe, hatten entweder nicht alle Latten am Zaun oder waren schon so verschlissen, dass man Angst haben musste, dass sie bei der Probe kollabieren.
Tobias ist als Musiker ein fantastischer Wingman und auch dann, wenn er den Song anführt, ist es ein Vergnügen für ihn den Wingman zu spielen. Er hat eine fantastische Routine und ist trotz der vielen Jahre auf der Bühne nach wie vor kreativ.
Wenn zwei Takte reichen, um sich zu verstehen
Ihr habt beide reichlich Bühnenkilometer gesammelt. Könnt ihr euch musikalisch überhaupt noch überraschen?
Tobias: Da der deutsche musikalische Alltag mittlerweile so unglaublich eintönig ist, wenn man das Radio einschaltet, ist es unfassbar leicht, sich musikalisch zu überraschen. Gerade wenn man einen großartigen Bühnenpartner hat.
George: Wir haben von ein paar Wochen bei einer Veranstaltung gespielt und dann packte Tobias ein Lied aus, das wir noch nie zusammen gespielt haben. Ich kannte das Lied zwar, wusste aber nicht, was Tobias mit dem Lied vor hat. Aber dann habe ich mich einfach tragen lassen und suchte mit meiner Gitarre den richtigen Platz in dem Arrangement. Es hat keine zwei Takte gedauert und schon fühlte es sich so an, als wenn wir das Stück seit eh und je zusammen gespielt hätten. Irgendwann guckten wir beide synchron hoch und haben uns nur breit angegrinst. Das sind Momente, die einen selber überraschen und einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
George, du leitest heute die Städtische Musikschule Schwelm. Kannst du auf der eigenen Bühne noch einfach Musiker sein – oder meldet sich zwischendurch der Musikschulleiter im Kopf und denkt: „Sauber intoniert, Herr Schneider“?
Ich habe eher das Problem, den Musiker in mir während der Verwaltungsarbeit zu zügeln. Oft begegne ich dem Kollegium singend im Flur. Auch bei der Moderation der Schülerkonzerte muss ich echt aufpassen, dass mit mir nicht die Rampensau durchgeht. Mir ist dann immer instinktiv danach, das Publikum anzubrüllen mit: ‚Hey Schwelm, alles klar? Geht’s euch gut? Habt ihr Lust auf eine geile Party? Dann lasst mal eure Hände sehen!
Bekannte Songs, überraschend neu gebaut
Ihr nehmt bekannte Rocksongs aus mehreren Jahrzehnten und baut sie akustisch neu zusammen. Wann ist ein Song für euch perfekt geeignet – und wann sagt ihr: Finger weg, der funktioniert nur im Original?
Tobias: Man kann aus allem eine schöne neue Interpretation machen. Wir müssen den Song nur selber mögen. Wenn wir ihn nicht mögen, gäbe es aber immer noch die Möglichkeit eine Parodie daraus zu machen.
George: Ich finde gerade die Songs, die man sich überhaupt nicht in so einem sparsamen Arrangement vorstellen kann, am spannendsten. Da kann man sich richtig austoben.
Neben den Klassikern spielt ihr auch eigene Songs. Ist das immer noch der spannendere Moment, weil das Publikum dabei nicht schon nach drei Akkorden weiß, was kommt?
Tobias: Eigene Songs kommen von Herzen. Man drückt sich damit noch mehr selber aus. Und natürlich ist es spannend zu sehen, wie die für das Publikum unbekannten Songs auf sie wirken. Man gibt ein Stück seiner Seele preis. Leute mit eigenen Melodien zu überzeugen, ist immer eine Herausforderung!
George: Eigene Songs spiele ich am liebsten. Da sie das Publikum nicht kennt, darf ich mich dort so oft verspielen und versingen, wie ich will. (großes Lachen) Nein, im Gegenteil. Mit eigenen Songs lädst du das Publikum zu dir nach Hause ein. Du eröffnest damit deine Privatsphäre. Man muss sich im Vorfeld gut überlegen, ob man so viel über sich erzählen will. Ich habe aber vor allem jedesmal das Gefühl, dass das Publikum bei eigenen Songs aufmerksamer zuhört als bei den Coversongs.
Fünf Gründe für den Abend in Herscheid
Zum Schluss die Verkaufsfrage: Warum sollte man am 26. September nach Herscheid kommen, statt sich zu Hause gemütlich eine Rock-Playlist anzumachen?
George & Tobias:
- Weil wir uns schon seit einer Ewigkeit nicht gesehen haben.
- Weil es gesundheitsfördernd ist, die eigenen vier Wände zu verlassen und echte soziale Kontakte wieder hautnah zu erleben. (Lachen)
- Weil wir zwei auf der Bühne sehr viel Spaß haben und unsere gute Laune ansteckend ist.
- Weil es bestimmt ein fantastischer Abend wird.
- Weil wir uns auf das Publikum freuen.
Tobias Janssen & Jiri "George" Schneider - Nicht mehr wartungsfrei
Samstag, 26. September, 19.30 Uhr
Aula im Bildungszentrum Rahlenberg
Kartenvorverkauf:
- Herscheid: Bürgerbüro, Lotto Fischer, Dorfladen Hüinghausen
- Plettenberg: LVM-Versicherungsagentur Funke, Kaiserstraße 1
- Online: Ticketshop Herscheid








