Mit Fanny van Hees und Helene Jochheim rückten am Samstag, 26. September, zwei bemerkenswerte Frauen in Iserlohn in den Mittelpunkt. Blickt man auf die Daten ihrer Geburt – 1817 und 1939 -, liegen 122 Jahre dazwischen. Doch haben sie vieles gemeinsam.
Beide Frauen haben sich für eine umfassende Bildung für alle stark gemacht. Beider Lebenslauf ist sehr bewegt. Beide haben ihren Lebensmittelpunkt in ihrer Wahlheimat Iserlohn gefunden, wo sie jetzt auf unterschiedliche Weise besonders geehrt wurden.
Fanny van Hees gründete 1852 die erste Höhere Töchterschule in Iserlohn. Eine Informationstafel an dem Gebäude, in dem heute ein Kindergarten zuhause ist, macht nun auf diesen „FrauenOrt NRW“ und diese historische Frauenpersönlichkeit aufmerksam. Den nach ihr benannten Preis nahm am Samstag im Gymnasium an der Stenner Helene Jochheim entgegen.
Preis für starke Iserlohnerinnen
Mit dem Fanny van Hees-Preis zeichnen die städtische Gleichstellungsstelle und die Iserlohner Frauen-AG seit 2014 alle zwei bis drei Jahre eine starke Iserlohnerin aus. „Helene Jochheim hat großen Mut und ein großes Herz für andere Menschen“, würdigte Gleichstellungsbeauftragte Patricia da Cruz Santos die Lebensleistung der neuen Preisträgerin. Die wurde 1939 im Erzgebirge geboren, die Familie floh noch während des Krieges. Nach dem Abitur schloss sie sich der Gemeinschaft der Missionshelferinnen an, studierte in Frankreich und den USA und unterrichtete im Kongo.
Unterricht für Flüchtlinge
Als Lehrerin am Goethe-Institut verbrachte sie viele Jahre in Indien und landete schließlich in Iserlohn. „Ich bin durch eine Versetzung hierher gekommen, es ist meine Heimat geworden“, sagte die 87-Jährige bei der Preisverleihung. Sie engagierte sich bei amnesty international, unterrichtet bis heute Flüchtlinge in Deutsch. Sie ist im Literaturkreis und in der katholischen Frauengemeinschaft aktiv. „Sie ist eine starke Frau, die sich immer für Benachteiligte eingesetzt hat“, so da Cruz Santos. Bewegende Worte fanden die Laudatorinnen Shahla Katebini und Azar Soltanie. Für die beiden Iranerinnen wurde aus der anfangs strengen Lehrerin eine Freundin fürs Leben, die ihnen viel mehr als nur Wissen weitergegeben hat. „Für mich galt es immer, Menschen aus anderen Ländern auf Augenhöhe zu begegnen“, dankte Helene Jochheim für den Preis und schlug den Bogen zu Fanny van Hees: „Es war eine andere Zeit, aber es ist die große Aufgabe aller, für die Bildung aller zu sorgen.“
„Ich habe gehört, ich hätte Verstand, und ich war entschlossen, diesen zu benutzen.“
Dieses Ziel verfolgte auch Fanny van Hees mit der Höheren Töchterschule, aus der später das heutige Gymnasium an der Stenner hervorging. Sie schuf 1852 die erste dauerhafte Bildungseinrichtung für Iserlohner Mädchen, die über den Elementarunterricht hinausging. Sie selbst konnte nur vier Jahre eine Schule besuchen. Als zehntes Kind aus einer verarmten, zerrütteten Fabrikantenfamilie war der Weg zur Lehrerin und Schuldirektorin nicht unbedingt vorbestimmt.
Aber, wie sie in ihrem Tagebuch notierte: „Ich habe gehört, ich hätte Verstand, und ich war entschlossen, diesen zu benutzen.“ Nach zahlreichen Stationen als Haushälterin in verschiedenen Orten, einem Aufenthalt beim Bruder in Paris und ersten Tätigkeiten als Handarbeitslehrerin besuchte sie schließlich das Lehrerinnen-Seminar in Elberfeld und machte ihr Examen. Die von ihr dann gegründete Töchterschule in Iserlohn entwickelte sich so erfolgreich, dass sie nach wenigen Jahren ein eigenes Schulgebäude bauen konnte, bevor sie 1870 starb.
Einblicke in bewegtes Leben
Die Historikerin Pauline Puppel vermittelte am Samstag spannende Einblicke in dieses bewegte Leben und in die damals vorherrschende Einstellung zur Bildung von Mädchen: „Die ideale Erziehung war auf die perfekte Rolle als Hausfrau und Mutter ausgerichtet.“ Auf den Einsatz von Fanny van Hees für die Gleichberechtigung von Frauen und für bessere Bildungschancen für Mädchen macht jetzt an der Gartenstraße 33 die Erinnerungstafel zum 57. „FrauenOrt NRW“ aufmerksam. Mit dem Projekt will der FrauenRat NRW, so Vorstandsmitglied und Landtagsabgeordnete Inge Blask, die Erinnerung an Frauen wach halten, die Orte geprägt haben, aber keine große Erwähnung finden.
"Sie hat viele Spuren hinterlassen"
Dass zahlreiche verdiente Frauen in der von Männern dominierten Geschichtsschreibung auch in Iserlohn bisher nur wenig Beachtung gefunden haben, bestätigte Stadtarchivar Rico Quaschny und nannte als Beispiel, dass nur 20 Straßen nach Frauen benannt wurden. Viele Biographien gebe es da noch zu erforschen. Mit der Erinnerungstafel rücke diese wichtige Frau in den Blick, freute sich auch Bürgermeister Michael Joithe: Sie hat etwas bewegt und viele Spuren in der Stadt hinterlassen.“









