Vertrauen und Konzepte der Entspannungspolitik seien nach Beginn des Ukrainekrieges im Frühjahr 2022 schnell verloren gegangen. Die Politik „ließ ihren Emotionen freien Lauf“, so Petra Erler. Vor allem Englands Premierminister Boris Johnson habe kämpfen wollen. Wer Frieden wollte, sei beschimpft worden. Günter Verheugen, ehemaliger EU-Kommissar, warf den Medien eine „einseitige Berichterstattung“ vor wie er sie „so noch nicht erlebt hat“.
Schnell machten Erler und Verheugen klar, dass sie die Ursachen und letztlich Schuld für den Ukraine-Krieg im Versagen deutscher und europäischer Außenpolitik und amerikanischem Dominanzgebaren sahen. Der Hinweis, dass Putins Angriff auf die Ukraine „völkerrechtswidrig“ war, klang wie eine pflichtgemäße Formel. Sie wurde zusätzlich abgeschwächt durch den Hinweis, dass es nicht der erste Völkerrechtsbruch seit Bestehen der Vereinten Nationen war.
Einen Kriegsgrund sah Verheugen in der NATO-Osterweiterung nach Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung. Hier sei „man falsch abgebogen“. Die Idee gemeinsamer europäischer Friedenspolitik sei aufgegeben und die Konfrontation wiederbelebt worden. Beim Tauziehen um die Ukraine gehe es nicht um Freiheit oder Demokratie sondern „allein um die Vorherrschaft der USA“. Die Expansion „ist von West nach Ost gelaufen, nicht umgekehrt“, so Verheugen.

Mit Verweis auf Verhandlungen und Protokolle, die Detailkenntnis verraten sollten aber so schnell nicht nachvollziehbar waren, versuchten Euler und Verheugen ihre These zu belegen, dass der Westen letztlich verantwortlich sei, dass Russland seine Interessen gewaltsam vertrete. Klar war für beide auch: „Die NATO (für beide ein Kriegstreiber, die Red.) hat diesen Krieg verloren.“ Die Sichtweise der Autoren deckte sich weitgehend mit der der russischen Position. Drohungen des russischen Ex-Präsidenten Dmitri Medwedew, Atomwaffen einzusetzen, Ziele Putins, Russland in alten Grenzen des Zarenreiches wieder herzustellen, Kriegsverbrechen in der Ukraine – all das blendeten die Autoren des Buches „Der lange Weg zum Krieg“ aus. Dass Putin auch andere Staaten, etwa im Baltikum ins Visier nehmen könnte, sei unbelegt, mithin reine Propaganda.
In der abschließenden Diskussion platze Besucherin Karin Essing der Kragen. Sie machte deutlich: Realität sind tägliche Angriffe auf Zivilbevölkerung und Infrastruktur in der Ukraine. Leid also, dass Russland täglich verursache.
Einig waren sich Autoren und Besucher im ehemaligen Kino der Stadthalle, dass Kriege durch Verhandlungen beendet werden. Und das sollte möglichst schnell und intensiv betrieben werden . Dass Petra Erler ausgerechnet US-Präsident Donald Trump als Game-Changer sah, verwunderte etwas. Mit dem Forum und den beiden Autoren hat KUK den Blick auf den Konflikt geweitet und deutlich gemacht, dass man offen ist für andere Sichtweisen und Diskussionen. Eben ganz das Gegenteil dessen, was Erler und Verheugen den Institutionen vorwerfen, nämlich nur dem Mainstream zu huldigen. Auch wenn man die Thesen der beiden nicht teilt, tragen sie zur Reflexion bei.